Damit steht Flemmings Text in einer Reihe weiterer Artikulationen aus dem Umfeld der Arbeiter- und Soldatenräte der Jahre 1918-1920. Mit dem Ende der monarchistischen Herrschaft schien die Überwindung der ständischen Hierarchie innerhalb der deutschen Gesellschaft greifbar, deren Grundlage durch die Teilung in höhere und niedere Schulformen bereits im Bildungswesen angelegt war. Die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Aufbau einer Einheitsschule waren Bestandteil einer Reihe radikaldemokratischer Forderungen, die insbesondere im Umfeld der Sozialdemokratischen Partei (SPD) artikuliert wurden. Zu diesen lässt sich auch Flemmings Aufsatz zur Schulreform zählen. Diese Vorstöße kamen im Laufe des Jahres 1920 aufgrund finanzieller Engpässe des Staates und der Dominanz konservativer Kräfte zum Erliegen. Einzig ein leicht erhöhtes Niveau in der Volksschule lässt sich als langfristiges Ergebnis der Reformbemühungen erkennen.
Willi Flemming wurde erst im Zuge des Nationalsozialismus zu einer wichtigen akademischen Figur. Dort zeigte er sich als völkischer Vordenker, Mitwirkender bei der Umgestaltung des Bildungswesens und glühender Verehrer des Soldaten-Ethos; eine paradoxe Wendung für einen Menschen, der am eigenen Leib die Schrecken des Krieges und dessen psychische Folgen erlebt hatte. Gegen Kriegsende wurde Flemming unehrenhaft von seinen Aufgaben an der Universität Rostock entbunden, erhielt jedoch bereits 1946 einen neuen Lehrstuhl an der Universität Mainz. Eine gewichtige Rolle fiehl ihm in der jungen Bundesrepublik jedoch nicht mehr zu. Flemming starb 1980 in Mainz.
Dieser Text ist ein wissenschaftlicher Beitrag zur Serie „Im Blickpunkt“. Wir danken Frau Sophia Schorr und Herrn Daniel Lieb von der Eberhard Karls Universität Tübingen herzlich für die Bereitstellung.