Der jüdische Pädagoge und Politiker Kurt Hahn lebte von 1886 bis 1974. Zwischen diesen beiden Daten liegen zwei Weltkriege, Exilerfahrungen, Schulgründungen, gesellschaftliche Veränderung und politisches Engagement. Kurt Hahn wird in der Regel einer pädagogischen Strömung zugeordnet, die als Reformpädagogik bezeichnet wird. Die reformpädagogischen Ideen dieser Zeit bestimmten die bildungspolitische Diskussion der Weimarer Republik mit. Aber was meint Reformpädagogik? Als historische Reformpädagogik werden pädagogische Konzepte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs bezeichnet, die sich aufgrund einer kulturkritischen Perspektive auf das Bildungssystem gegen erfahrungsarme Pädagogik, Drillschulen und autoritäre Verhältnisse auflehnten und eine andere Pädagogik imaginierten. Aus systematischer Perspektive meint Reformpädagogik pädagogische Überlegungen beispielsweise zu einer Demokratisierung der Beziehung zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen mit partnerschaftlicher Ausrichtung oder auch die Beförderung der Selbsttätigkeit von Kindern und Jugendlichen. Freilich hat die Reformpädagogik, die oft genug pathetisch über Demokratisierung sprach, mit ihrer starken Betonung von Gemeinschaftsgefühl und oftmals nationalistischen und patriotischen Tendenzen auch dunkle Seiten. Die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim (1966-1989) – dem ehemaligen Leuchtturm des reformpädagogischen Projekts – und auch die Fokussierung auf die Ausbildung von zukünftigen Eliten in vielen reformpädagogischen Einrichtungen zeigen, dass insbesondere die auf ihrer Schauseite so positiv wirkenden Institutionen in ihrer organisationalen Realität keineswegs die Utopien realisieren, die sie nach außen präsentieren. Zwischen programmatischen Schriften und der gelebten Praxis in den Einrichtungen lagen und liegen oft Welten.
Das Internat Schloss Salem in Baden
Eine reformpädagogische Institution, die bis heute Bestand hat, wurde von Kurt Hahn im Jahr 1919 gemeinsam mit seinem engen Freund Max Prinz von Baden (1870-1929), dem letzten Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs, gegründet: das Internat Schloss Salem. Ganz der politischen Ausrichtung Salems entsprechend, an der Ausbildung einer Führungselite zur Verbesserung der gesellschaftlichen Umstände mitzuwirken, wurden auch Politiker wie der ehemalige Reichsvizekanzler Friedrich von Payer (1847-1931) nach Salem geladen. Payer gehörte der Weimarer Reichsversammlung an und war Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP).