Lernen aus Akten – Aufarbeitung der Entschädigungspraxis nach dem Völkermord an den Sinti und Roma

Von Archivportal-D

Am Freitag den 14. November wurden in der KZ-Gedenkstätte Dachau die Ergebnisse des Projektes „Lernen aus Akten“ vorgestellt. 

In den vergangenen zwei Jahren hat der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern e.V. (VDSR) gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die Entschädigungsakten des bayerischen VDSR genauer unter die Lupe genommen. Das von der Stiftung EVZ im Rahmen der „Bildungsagenda NS-Unrecht“ geförderte Projekt hatte nicht nur zum Ziel, die Entschädigungsakten zu digitalisieren und zu erschließen, sondern auch wissenschaftlich auszuwerten und Materialien für die außerschulische Bildungsarbeit zu erstellen.

3 Personen sitzen vor einer Wand, auf die mittels eines Beamers eine Präsentation gezeigt wird.
Prof. Dr. Charlotte Bühl-Gramer (FAU Erlangen-Nürnberg) im Gespräch mit Marcella Herzenberger (Landesverband Deutscher Sinti und Roma Bayern e.V.) und Michelle Berger (Antidiskriminierungsberatungsstelle, Landesverband Deutscher Sinti und Roma Bayern e.V.) auf der Abschlussveranstaltung in der KZ-Gedenkstätte Dachau. | VDSR Bayern |

Im Mittelpunkt des Projektes standen über 660 Entschädigungsakten des bayerischen Landesverbandes, der seit den 1980er Jahren Antragstellende insbesondere in Wiedergutmachungsverfahren juristisch unterstützt und vertritt. Die Akten dokumentieren die NS-Verfolgungsschicksale von Sinti:ze und Rom:nja unter anderem aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien und den Umgang mit diesen im Rahmen der Wiedergutmachung. Die Akten sind auch deshalb wichtige Quellen für die Geschichte der Entschädigungspraxis der Bundesrepublik, weil sie die Überlieferung der Staatsarchive um die Perspektive der Antragsteller:innen ergänzen. Insbesondere dokumentieren sie die sogenannte „zweite Verfolgung“, der sich viele Antragsteller:innen ausgesetzt sahen: Sinti:ze und Rom:nja wurden in den Wiedergutmachungsverfahren in den 1950er und 1960er Jahren  oftmals stigmatisiert. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Auswertung können im von Charlotte Bühl-Gramer und Erich Schneeberger herausgegebenen Sammelband Entschädigung von NS-Unrecht an deutschen Sinti und Roma in Bayern. Historische Forschung, Entschädigungsarbeit und Erfahrungen nachgelesen werden.

Auszug aus einer Akte
Auszug aus der Akte von Frau Eva Blum, die eine Witwenrente nach ihrem Ehemann Anton Blum beantragte. Die Inhaftierungsbescheinigung des ITS (International Tracing Service) diente zum Nachweis über die Deportation und Inhaftierung in einem Konzentrationslager. | VDSR Bayern |

Aus den digitalisierten und erschlossenen Akten wurden einige paradigmatische Fälle als Bildungsmaterialien für den Einsatz in Gedenkstätten, Universitäten und Behörden aufgearbeitet. Sie bilden sowohl die Geschichte der Entschädigung und Perspektive der Antragsteller:innen als auch die Verwaltungspraxis der Entschädigungsbehörden ab.  Diese quellenbasierten Materialien sind hier erschienen: Entschädigung von NS-Unrecht an deutschen Sinti und Roma. Didaktische Materialien für die außerschulische Bildungsarbeit.

Der Aktenbestand des Landesverbandes soll perspektivisch im Themenportal bereitgestellt werden. Dies ist jedoch erst nach Ablauf der archivrechtlichen Schutzfristen möglich. Zudem steht für die Selbstorganisationen wie den VDSR die Gewährleistung des Schutzes der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen an erster Stelle, die es auch für die Zukunft rechtlich abzusichern gilt.

 

Markus Metz, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim VDSR war darüber hinaus als Experte Teil der dritten Folge des Podcast „The German Wiedergutmachung“. Dort kann mehr über die Wiedergutmachung an Sinti:ze und Rom:nja nachgehört werden: Direkt zur Folge